Wenn die Kirchtürme lebendig werden – Unterwegs zu den Schleiereulen in Mecklenburgs Dorfkirchen
Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Sommertag beginnt, entwickelt sich zu einer besonderen Reise in die verborgene Welt unserer heimlichen Jäger der Nacht.
Das heißeste Wochenende des Jahres war angekündigt. Für viele bedeutete das Badesee oder Grillabend – für uns führte der Weg jedoch in die kühlen Dachstühle alter Dorfkirchen. Ende Juni ist für Schleiereulen eine entscheidende Zeit: Die Jungvögel sind nun groß genug, um beringt zu werden. Auf unserer heutigen Tour standen drei kleine Dorfkirchen im Herzen Mecklenburgs auf dem Programm. In den historischen Fachwerkkirchen befinden sich seit Jahren Nistkästen, die von Schleiereulen als Brutplatz angenommen werden.
Große Sorgen zu Beginn der Brutsaison
Noch zu Jahresbeginn sah die Situation alles andere als vielversprechend aus. Ein ungewöhnlich langer Winter mit Frost und einer hartnäckigen Schneedecke bis in den März hinein ließ nichts Gutes erahnen. Die Sorge war groß, dass die Altvögel nicht ausreichend Nahrung finden würden und sich dies negativ auf den Bruterfolg auswirken könnte.
Leider bestätigten sich diese Befürchtungen.
Zwar waren viele Gelege mit einer erfreulichen Anzahl an Eiern besetzt, doch letztlich schlüpften deutlich weniger Jungvögel als in den vergangenen Jahren. Ein deutlicher Hinweis auf Nahrungsmangel. Besonders auffällig war, dass in den Nistkästen kaum Beutetiere – vor allem Mäuse – zu finden waren. In guten Mäusejahren liegen häufig mehrere erbeutete Mäuse als Vorrat in den Kästen. In diesem Jahr blieben diese nahezu vollständig aus.
Mit genau dieser Erwartung machten wir uns auf den Weg – und leider bestätigte sich das Bild auch in den drei Kirchen, die wir heute kontrollierten. Insgesamt konnten wir lediglich sieben junge Schleiereulen beringen.
Hoch hinaus in Mecklenburgs stille Dorfkirchen
Doch trotz der eher ernüchternden Zahlen hielt dieser Tag für mich einen ganz besonderen Moment bereit.
Zum ersten Mal durfte ich die Beringung der jungen Schleiereulen selbst durchführen – ein Augenblick, den ich wohl nicht so schnell vergessen werde.
Der Weg dorthin ist jedes Mal ein kleines Abenteuer. Über steile Holzleitern, schmale Treppen und jahrhundertealte Balkenkonstruktionen geht es hinauf in die Kirchtürme. Vorbei an den mächtigen Kirchenglocken erreicht man schließlich die hoch oben angebrachten Nistkästen.
Dort sitzen die jungen Schleiereulen bereits fast ausgewachsen in ihrer Kinderstube. Beim vorsichtigen Herausnehmen bleiben sie erstaunlich ruhig. Jedes Tier wird behutsam in einen speziellen Transportsack gesetzt und anschließend ins Freie gebracht. Dort steht mehr Platz für die eigentliche Beringung zur Verfügung.
Ein kleiner Ring mit großer Bedeutung
Die Beringung selbst dauert nur wenige Augenblicke, besitzt jedoch einen unschätzbaren Wert für den Naturschutz.
Jeder Jungvogel wird einzeln aus dem Transportsack genommen und vorsichtig auf den Rücken gelegt. Anschließend erhält er am rechten Lauf einen silberfarbenen Metallring mit einer einzigartigen Kennzeichnung. Mit einer speziellen Ringzange wird der Ring so verschlossen, dass er die Schleiereule ihr gesamtes Leben begleitet, ohne sie einzuschränken.
Die jungen Vögel bleiben während der gesamten Prozedur erstaunlich gelassen. Wenige Minuten später kehren sie bereits wieder in ihren Nistkasten zurück.
Zwischen Fachwerk, Kirchenglocken und Natur
Gerade in Mecklenburgs kleinen Dörfern zeigt sich, wie eng Kulturgeschichte und Naturschutz miteinander verbunden sind. Die alten Dorfkirchen mit ihren ruhigen Dachstühlen bieten Schleiereulen ideale Brutplätze und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt dieser faszinierenden Vogelart.
Wer durch die sanfte, ländliche Idylle Mecklenburgs fährt, ahnt oft nicht, welches Leben sich hoch oben in den historischen Kirchtürmen verbirgt. Zwischen alten Balken und Glocken wächst jedes Jahr eine neue Generation Schleiereulen heran – vorausgesetzt, die Natur bietet ihnen genügend Nahrung.
Auch wenn die Ergebnisse der diesjährigen Beringung hinter den Erwartungen zurückbleiben, bleibt die Hoffnung auf bessere Mäusejahre und erfolgreichere Bruten in den kommenden Jahren. Für mich persönlich wird dieser Tag dennoch unvergessen bleiben. Zum ersten Mal selbst einen jungen Schleiereulennachwuchs zu beringen, war weit mehr als eine wissenschaftliche Aufgabe – es war ein emotionaler Moment und ein Privileg, Teil eines wichtigen Beitrags zum Schutz dieser beeindruckenden Eulen zu sein.

